Hongkong!
W
scher Pickel auf dem brenen Tende Tone aus Peking zu vernehmen waren, da gingen die Akuenkurse in der asiatischen Metropole runter, und die ins Ausland transferierten Sum- men stiegen. Aber das ist alles mehr als ein halbes Jahr her und Hongkong ist eine schnellebige Stadt Mancher Fi- nanzminister würde sich die Finger nach „Hongkonger Verhältnissen ab-. schlecken: So gut wie keine Staatsver- schuldung, nur drei Prozent Arbeitslo- se und eine Inflationsquote unter zehn Prozent Die Zuwachsraten lagen bis 1982 bei über zehn und sind auch heute noch höher als fünf Prozent Grund zum Pessimismus also.
Buckel des kommunistischen China? Der größte zollfreie Super- markt der Welt, 24 Stunden geöffnet? Eine Stadt in der Milton Friedmans Theorien schon Wirklichkeit wurden, bevor der sie überhaupt gedacht hatte? Eine Idee und nur sie hat Hongkong zu dem gemacht, was es heute ist: Möglichst schnell möglichst viel Geld verdienen. Auf dieses Credo läßt sich die glitzernde Stadt am Perl-Fluß noch heute reduzieren. Das war bereits unter den Opium-Seglern im 19. Jahr- hundert so und etliche der großen „Hongs“, wie die britischen Handels- häuser auch heute noch heißen, haben ihren Wohlstand auf diesem Stoff, aus dem die Träume sind, begründet. Geredet wird darüber heute kaum noch. Eines der größten Handelshäu- ser in Hongkong aber machte anläßlich seiner
150-Jahr-Feier beträchtliche Verrenkungen, um diese dunkle Ver- gangenheit in hellerem Licht erschei- nen zu lassen. In Hongkong selbst stört es niemand. woher das Geld kommt, das einer hat. Wichtig ist allein, daß er es hat. Und wenn er es hat, zeigt er es auch.
Nachmittags im Peninsula-Hotel: Koloniale Pracht, bestens erhalten, Stuckdecken, Kristallüster, eine Auf- fahrt wie in Hollywood erdacht. Wer sich für rund 300 DM pro Nacht in dieser Nobelherberge einmietet, darf sich gleich nach seiner Ankunft auf dem Kai-Tak-Airport in die Polster eines Rolls Royce kuscheln. Im Hinter- grund der „Hall" spielt eine chinesische Kapelle Wiener Kaffeehausmusik. Die weißbefrackten Ober huschen dienst- eifrig um ihre geldige Klientel herum, die sich nach dem Einkaufsbummel auf der Kowloon-Seite eine Brombeer- mousse oder ein Schalerl Tee Gemüte führt. Ein paar Häuserblocks weiter geht, mitten durch Kowloon, die Boundry-Street, die Grenzstraße. Gäbe es die nicht, dann schlürften die erlauchten Herrschaften im Peninsula ihr erfrischendes Aufgußgetränk mit drei Buchstaben noch entschieden sorgloser, als sie es ohnehin tun.
zu
Die Boundry-Street nämlich ist die Grenzlinie zwischen jenen Teilen Hongkongs, die laut Vertrag von 1842 „auf ewig" zur englischen Krone gehö- ren und jenen, die 1898 nur für 99 Jahre vom damaligen Kaiserreich China gepachtet wurden. Anerkannt wird von den Chinesen auf der anderen Seite keiner der Verträge. Sie seien alle ungleich" gewesen, was den Histori- ker darüber nachsinnen läßt, welche Verträge in der langen, traurigen Geschichte des Völkerrechts denn jemals gleich" waren. Jedenfalls: 1997 heißt das magische Datum. Darauf freilich starrt der Rest der Welt, einschließlich eines bekannten deut- schen Nachrichtenmagazins, gebann- ter, als dies die Bewohner der Kronko- lonie tun. Zugegeben, als Maggie Thatcher in ihrer so gar nicht briti-
schen Hauruck-Manier 1982 anläßlich ihres Besuches in Hongkong eine sehr
Mentalitäten-Treff
kein
Wie es allerdings weitergehen soll kann niemand genau sagen, aber alle wissen, daß eine Lösung gefunden werden muß. Ein hoher Regierungsbe- amter meint: „Derzeit haben die Leute in Peking eine Rauchwand hoch ezon gen. Das machen die immer so. Aber daß sie überhaupt verhandeln, ist ein gutes Zeichen. Wenn die Kommunisten Hongkong haben wollten, gäbe es
in diese
haben, dauk nicht SC
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auf, weil sie gemerkt adt gar lebt Eeimagefühl in Hongkong
aiso? Barry Wig „Ganz sicher hat sich in den zehn Jahren so etwas entwickel meisten Bewohner der Stadt.
Grollen
aus
China
nichts, womit wir sie aufhalten könn- Werden Hongkon Basare auch 1998
ten. Auf die Gegenfrage, ob die Briten
sie denn dann überhaupt noch aufhal-
ten wollten, kommt ein klares Nein.
98 Prozent der rund 5.5 Millionen noch florieren?
Einwohner dieser einzigen Stadt in ganz Südchina mit Tiefwasserhafen sind Chinesen. Nur zwei Prozent sind Engländer oder andere Ausländer. Chinesische und britische Mentalität treffen sich in einem Punkt und darum wohl klappt auch die Zusammenarbeit so ausgezeichnet: Sowohl die „Him- melssöhne als auch die Untertanen ihrer britannischen Majestät sind praktisch veranlagte Leute mit einem sehr lebendigen Sinn fürs Geschäft Die Hongkong-Chinesen sind ein har- ter, zäher Menschenschlag, der die Kolonialmacht nicht gerade liebt, aber ganz genau weiß, daß ohne sie politisch schon lange nichts mehr ginge. Und darin sind sich Engländer wie Hong- kongesen völlig einig, unter die Herr- schaft Pekings, mit all ihren Konse- quenzen, will man nicht kommen. Das wäre schlecht fürs Geschäft, und dieses Ende jenes Hongkong bedeuten, das sie alle lieben, und das sie lieben müssen, weil die Masse der dort Lebenden keinen anderen Platz hát, wohin sie gehen
wiederum würde das
könnte.
Lange schon, zumindest in Asien, hat Hongkong sein früheres Image als „Sklavenhalter-Ökonomie" abgestreift und ist heute mit einem Pro-Kopf-Ein- kommen von 4500 US-Dollar im Jahr nach Japan das wohlhabendste Ge- meinwesen in diesem Teil der Welt. Und das hat sich herumgesprochen. Barry Wiggham, Kulturreferent von Hongkong (ein Amt, das es erst seit einem Jahr gibt): „Früher, da war für die meisten Hongkong nur ein Durch- gangslager, vor allem in Richtung USA Heute kommen viele unserer Studen- ten aus dem Ausland wieder zurück
VON WERNER VOM BUSCH
höchstens in der zweiten Generation dort ansässig. Kein Wunder: 1948 bate die Stadt nur 700 000 Einwohn Jahre später sind es fünfeinhalt lionen.
in
Ha
den
Waren nach China. Mit der amerika und gäbe sind. Der Antrieb. schen Blockade der Volksrepublik
kommen, ist
China nach dem Korea-Krieg stand die Ongesen, sie brauchen ihn nicht Kronkolonie über Nacht dem außen.
wirtschaftlichen Nichts und verwan-
vor
diese Ellenbogengesellschaft, delte sich mit unfaßlicher Geschwin- daraus zwangsläufig entwik- digkeit von einer Handels- zur Indu- fre Schattenseiten hat, liegt auf striemetropole, die heute Platz 13 in erfiand. Mitleid und soziale Fürsorge der Weltrangliste einnimmt
Charakter dieser Menschen tbedingt kaum angelegt, es sei Image der kulturellen Wüste ür Mitglieder der eigenen Fami- lie Un Vorteile zu erlangen wird gelogen und bestochen was das Zeug hält Hestechung reicht vom kleinsten Polizisten bis hin zum hohen Beamten. Die Eistenz der ICAC. (Independent Commission against Corruption), die im Jahr 1981 ganze 2344 Fälle von Korruption ermittelte, signalisiert höchens die Spitze des Eisberges. Das Problem der Briten dabei ist, daß Bestedhung von Chinesen (nicht nur in Hoang) nicht direkt als kriminelle gesehen, und, solange sie sich in en hält auch von den Oberen et wird. Die Zustände, wie sie in seinem Roman „NobleHou- drastisch beschreibt, haben sich geändert, aber der Beamte mit fenen Hand ist auch heute noch
us keine Seltenheit.
hr die eigene Vergangenheit holt ong wieder ein. Derzeit gibt es 40 000 Drogenabhängige. Das The „Profil“ eines Junkies" wider- It auch die sozialen Probleme
onkolonie: Er ist über 21, mit gegem Einkommen, ein ungelernter Arbeiter mit höchstens sechs Jahren SchuMildung, der in einem der über- füllten und lauten Wohnblocks von Kowton oder der Insel wohnt, die eher Bienenwaben als menschlichen Be- hausungen gleichen Nach schöner enght ther Sitte gibt es, natürlich, auch für
di
eses Problem eine Kommission, lederum diverse Unterkommis- sione bildet. Die Opiumproduktion in Hong long wurde 1974 zerschlagen. Bei der bgraphischen Lage der Stadt als Krog punkt Asiens, mit 28 000 inter- nationalen Flügen pro Jahr und 11 000 Ozeantiesen, die jährlich den Hafen anten, ist der Drogenimport nur schwer zu kontrollieren.
In seiner Entwicklung ist Hong O ebenso ein Kontrapunkt zum kaj chen. wie zum kommunistischen China. Im alten Cathay wurde der Gelehrte, der die kaiserlichen Examina abgelegt hatte, ungleich höher geachtet als der Kaufmann oder Entrepreneur. Materieller Reichtum war allefalls Voraussetzung für den Erwerb von Gelehrsamkeit Und im kommunisti- schen China gelten der rechte Klassen- hintergrund und die Zugehörigkeit zum kommunistischen „Kadernoch (immer) als wichtigste Voraussengtitution existiert in Hongkong einer Karriere. In Hongkong is dieser Tradition nur die unge a Konzentration hin auf ein ge Ziel geblieben. Stammbaum und se sind unwichtig. Die starke dung an die Großfamilie ist aller ein wichtiger Faktor, auch chinesischen Geschäftswelt. Geği ist auch die Achtung vor der Bij und der Wunsch, daß die Kind einmal besser haben sollen. Als K quenz hat Hongkong heute schnittlich mehr Studenten al britische Mutterland. Die Elterfil- før Kronkolonie geben den letzten Pf- aus, um ihren Sprößlingen ein Ausbildung zu ermöglichen. Der es zu materiellem Wohlstand zu gen, macht auch Aufpepp-Vg
sehr wohl, ist aber im Gegensatz zu ihrer westlichenm Schwester Bangkok und der südöstlichen Nachbarin Mani- la keit Thema. Das Nachtleben in der Kronkblonie ist, wo fürs allgemeine Publikum zugänglich, einfach langwei- lig. Wann Brüste gähnen könnten
Bottoms up", der Topless-Bar in Hoong, würden sie's tun.
der Superlative
in
Ein Gang durch die unzähligen Lädchen und riesigen Verkaufsmaga- zine ist da ungleich auf- und anregen- dengtas Ocean-Center an der Mole von Kloon ist, zusammengewachsen mit World-Trade-Center, ein Basar perlative. Es gibt nichts, was es gibt und alles zu günstigen Europäische Luxusartikel und
Daß über soviel Geschäftigkeit die Kultur zu kurz kam, gibt man von offizieller Seite offen zu. Kulturrefe- rent Barry Wiggham: „Hongkong hatte das Image einer kulturellen Wüste zu Recht. Erst in den letzten Jahren hat man gemerkt, daß dieses Gebiet ver- nachlässigt wurde." Mittlerweile sind die großen Orchester der Welt zu Gast in Hongkong und auch berühmte Popgruppen gastieren hier. Besonders in der Musik und in den darbietenden Künsten, also Oper, Ballett und Thea- ter, hat Hongkong heute ein reiches Programm zu bieten. Typisch für die Stadt: Als man vor einem Jahr erstmals darüber nachdachte, eine Akademie der Künste zu gründen, bot sich der Jockey-Club an, diese Akademie zu finanzieren. Er spendete 300 Millionen Hongkong-Dollar als Zuschuß (ca. 110
Millionen Mark), die Stadt schießt nochmals 70 Millionen Dollar zu und übernimmt die Folgekosten. Die Vor- planungen sind bereits abgeschlossen. die Akademie stehen. Das Schlagwort ein Direktor gefunden, und 1985 soll
Ost trifft West" ist derzeit aber noch
nicht mehr als das.
Genießen kann der Fremde aus dem Westen hier allerdings eine Spielart der Kultur, die sich in Hongkong großer Beliebtheit erfreut und für die allenfalls ein wenig Fingerfertigkeit nötig ist die chinesische Küche. Chinesen in der Kronkolonie, ebenso wie ihre ärmeren Verwandten auf dem Festland, essen für ihr Leben gern. Sie
tun
-
es. ausgiebig, laut und nach westlichem Benimm oft schockierend. Ganze Straßenzüge sind in Freiluftre- staurants verwandelt, rund drei Millio- nen Schweine, in kommunistischen Kommunen gemästet, wandern jähr-. lich in die Kochtöpfe der kapitalisti-
schen Vettern. Alles wird in diesen
Straßen, vor allem in Kowloon, gebo- ten. Die scharfe Küche Sichuans, die Nudeln des Nordens, die Meeresfrüch- te aus Schanghai. Um Chinas Koch- kunst kennenzulernen muß man sich nicht ins Land der Mitte begeben, eine kulinarische Tour d'horizon ist in den Gassen Kowlons zu billigen Preisen möglich.
Das chinesische „Steamship", eine Art Suppen-Fondue, bei dem das Holzkohleöfchen allerdings in der Mit- te die Bouillon aufbrodeln läßt, ist wie Hongkong selber: Ein Schmelztiegel, in dem die Ingredienzien zu einem kräfti- gen, würzigen Sud verkochen und der allem, was in ihn getaucht wird, seinen typischen Geschmack und sein unver gleichliches Aroma verleiht.
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