DIE LAGE.

Auf seiten der Gegner der Zentralmächte sucht man sich den An- schein zu geben, als glaube man, der Umschwung in der diplomatischen und der militärischen Lage zugunsten der Entente babe jetzt eingesetzt oder mfisse in kürzester Zeit einsetzen. Wie schlecht es

um diesen Glauben in Wirklichkeit bestellt ist, das beweisen die bei allen Vier- verbandsstaaten eingetretenen innerpolitischen Verschiebungen und die krampflaften Anstrengungen, die immer deutlicher erkennbar werdenden Interessengegensätze zwischen den einzelnen Gliedern der Entente zu über- brücken oder doch wenigstens vor den Augen der Welt zu verbergen. Dem diplomatischen Erfolg der Zentralmächte auf dem Balkan ist der militärische auf dem Fuß gefolgt. Das Schicksal der Serben ist besiegelt! Man kann dem kleinen tapferen Volk für die Art, in der es, verraten von seinen politischen Ratgebern und angeblichen Freunden, zum letzten schweren Kampf sich gestellt hat, die Achtung nicht versagen. Die Ver- handlungen, die aus Anlaß der Entwicklung der Dinge auf dem Baikan im britischen Parlament stattgefunden haben, mögen aber nicht nur den Serben, sondern auch anderen die Augen darüber geöffnet haben, was von den idealen Motiven zu halten ist, atis denen England zum Schutz der kleinen Staaten das Schwert gezogen zu haben vorgibt. Was könnte es Kläglicheres geben als die gewundenen Erklärungen, die am 9. und 10. November Sir Edward Grey und Lord R. Cecil abgegeben haben. Sir Edward Grey sagte, die von England den Serben gemachten Versprechungen hätten nur den Sinn gehabt, daß sie politisch, nicht, daß sie militärisch auf Englands unbedingte Unterstützung zählen dürften, und Lord Cecil mußte zugeben, daß man auf dringende Anfragen hinsichtlich eines von Serbien ge- planten Angriffs gegen Bulgarien tagelang fiberbaupt nicht und schließlich auch nur ausweichend geantwortet habe. Das zeigt, daß England für die kleinen Staaten sich nur so lange interessiert, wie es die eigenen Interessço dadurch schützen zu können vermeint. Und wie respektiert England heute die Neutralität Griechenlands, dasselbe England, das es mit seiner Ehre für navereinbar erklärt bat, angesichts des Durclunarschs der deutschen Truppen durch Belgien neutral zu bleiben? Nein, England kämpft nicht für irgendwelcheidealen Güter der Menschheit, es kämpft firdie Aufrechterhaltung seiner sehr realen Weltherrschaft, und in dem Maße, in dem diese durch den Gang der Ereignisse unmittelbar gelähirdet wird, muß es die Maske fallen lassen. Um einen Keil zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn und ihre Verbändeten, die Türken, zu schieben, also im Interesse des nach Sir Edward Grey's denkwürdigem Gleichnis von England geführten Viergespanas der Ententemächte, wollten diese den Balkanbund wieder- ersteben lassen. Heute, da sich die Balkanstaaten auf die Gemeinsamkeit ihrer Interessen zu besinnen scheinen und es ablehnen, sich für Englands Größe untereinander zu zertleischen, sucht man sie in der Welt als die verblendeten Opfer deutscher Intriganten- und Bestechungskinste hin- zustellen. Aber jeder Denkende erkennt, daß aus diesen ohnmächtigen Anschuldigungen nur die dumpfe Sorge spricht, Sorge um das Schicksal der englischen Herrschaft in Ägypten und Indien, d. b. um die Angel. punkte der britischen Weltherrschaft. Deutschland hat keine auf Welt- herrschaft gerichteten Gelüste. Nur war es und ist es im Gefühl seines Wertes und seiner Kraft zu stolz, um sich der britischen als dienendes Glied einzufügen. Je eber die Menschheit sich davon überzeugt, daß alles Gefusel über Deutschlands Willen, der Welt den Stempel seiner Eigenart aufzuzwingen, und alle gehässigen Entstellungen dieser Eigenart letzten Endes aur darauf zurückzuführen sind, daß Großbritannien sich berufen glaubt, das Meer und damit die Welt zu beherrschen, desto eber wird ihrer Friedenssehnsucht Erfüllung werden können. Vielleicht trägt die hysterische Art, nit der man sich auf seiten unserer Gegner gegen die angeblich von Deutschland unternommenen Versuche zur Anbahnung einer Verständigung auflelint, zur Aufklärung dariiber bei, wo die wahren Feinde des Weltfriedens zu suchen sind, als lessen ideale Form doch wohl nicht allen die pax britannica. vorschwelt.

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